Medizinische Themen

Bindung

Die Bindung in der Psychologie ist der zentrale Begriff der von John Bowlby und seinen MitarbeiterInnen entwickelten Bindungstheorie. Diese verbindet ethologisches (Ethologie), entwicklungspsychologisches (Entwicklungspsychologie), systemisches und psychoanalytisches Denken. Eines der großen Anliegen Bowlbys war es, mit der Bindungstheorie eine wissenschaftliche Basis für den psychoanalytischen Ansatz der Objektbeziehungen zu schaffen und psychoanalytische Annahmen empirisch überprüfbar zu machen. Der britische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker entfernte sich im Laufe seiner Forschungsarbeit von der Psychoanalyse und die Bindungstheorie wurde zu einer eigenständigen Disziplin, die der Psychoanalyse viel verdankt. Die Theorie weist sowohl Verbindungen zur Systemtheorie wie auch zur kognitiven Psychologie auf und hat einen ebenso großen Beitrag zur Familien- und kognitiven Therapie geleistet.

Begriffsbestimmung


Bindung (englisch: attachment) bezeichnet ein genetisch vorgeprägtes Verhalten von Primatenkindern (insbesondere Menschen). Das Neugeborene entwickelt eine spezielle Beziehung zu seinen Eltern (insbesondere der Mutter) oder anderen dauerhaften Bezugspersonen (Bindungspersonen sind die erwachsenen oder älteren Personen mit welchen das Kind den intensivsten Kontakt in seinen ersten Lebensmonaten hatte). Dieses „Bindungssystem“ soll das Neugeborene dazu veranlassen, im Falle einer objektiv vorhandenen oder subjektiv erlebten Gefahr oder Bedrohung, Schutz und Beruhigung bei seinen Bezugspersonen zu suchen und einzufordern. Das Bindungsverhalten/der Bindungstyp eines Neugeborenen entsteht durch die Anpassung an das Verhalten der zur Verfügung stehenden Bindungspersonen. Mit seiner Bindungsperson/ seinen Bindungspersonen entwickelt das Kind ein Bindungsverhalten oder eine Bindungsstrategie welche, nachdem sie sich gefestigt hat, weitgehend konstant erhalten bleibt. Die stärkste Prägung findet dabei innerhalb der ersten sechs Lebensmonate statt. Allerdings ist eine gewisse Plastizität des Bindungsverhaltens zu beobachten in dem Sinne, dass dieses Verhalten sich im Verlauf der Kindheit und Jugend mitunter ändert. Später im Erwachsenenalter wird das bis dahin erworbene Bindungsverhalten normalerweise beibehalten und verfestigt sich im ständigen Gebrauch zu einem scheinbaren Wesensmerkmal.

Wichtig erscheint, dass Bindung nicht eine Eigenschaft des Kindes (oder der Bindungsperson) allein darstellt: Die Bindungsschemata sind vielmehr ein Merkmal der Eltern-Kind-Beziehung, also eine zwischenmenschliche Qualität, die von beiden Interaktionspartnern getragen wird. Welches Bindungsverhalten das Kind entwickelt, ist (zumindest zu Beginn des Lebens) nicht zwangsläufig Spiegelbild seines Temperaments oder Charakters.

Charakteristika

  • Die Tatsache eines Bindungsaufbaus ist bei jedem Kind weltweit und in unterschiedlichsten Kulturen zu beobachten.
  • Bindung ist ein auf Dauer angelegtes Verhalten. Es entwickelt sich in früher Kindheit, bleibt aber über viele Jahre hinweg für das Kind in wechselnder Weise wesens- und handlungsbestimmend, oft bis ins Erwachsenenalter hinein. Ein Mensch kann aber zu mehreren Personen Bindungen, evtl. unterschiedlicher Qualität haben. Auch können Bindungen auch noch nach der frühen Kindheit aufgebaut werden.
  • Die Vertrautheit des Kindes mit seiner Bindungsperson ist die konstitutive Kraft des Bindungsverhältnisses. Sie überwiegt die Bedeutung sowohl von Belohnung als auch von Strafe in Bezug auf die Frage, wie intensiv die Bindung ist. Das heißt, weder lässt sich Bindung wesentlich durch Belohnung verstärken, noch führen (bis zu einem gewissen Grad) Strafen dazu, die Hinwendung zur Bindungsperson nachhaltig zu stören. Allerdings ist Bindung stark abhängig von der sog. Sensibilität der unmittelbaren Bezugspersonen, d. h. von ihrer Verlässlichkeit, was eben letztlich doch auf Belohnung hinausläuft.
  • Entwicklungsgeschichtlich ist die Ausprägung eines Bindungsverhaltens als biologische Schutzfunktion zu verstehen: Das hilflose Kind entwickelt Verhaltensformen, die den Aufbau der Bindung zu einer Person fördern, die elementare Hilfe und Schutz gewährleisten kann.

Bindungsmuster


Mary Ainsworth und ihre KollegInnen entwickelten Ende der 1960er Jahre mit der sogenannten „Fremden Situation“ ein Setting zur Erforschung kindlicher Bindungsmuster. Lediglich drei Ausprägungen von Bindungstypen, welche sich innerhalb der Interaktion mit der Bindungsperson entwickeln können, wurden festgestellt: sicher, vermeidend und ambivalent gebunden. Erst später wurden Kinder zusätzlich als desorganisiert/ desorientiert gebunden, klassifiziert.

Entsprechend der Bindungskategorien beim Säugling und Kleinkind, fanden sich bei den „Bindungspersonen“ vier korrelierende Bindungsmuster: autonom, beziehungsablehnend, beziehungsüberbewertend und von unverarbeitetem Objektverlust bestimmt.

Die "Fremde Situation"


Kinder im Alter von 12 bis 18 Monaten werden innerhalb einer standardisierten Situation mit ihrer Bindungsperson beobachtet. Die „Fremde Situation“ gliedert sich in 8 Episoden: (1) Das kleine Kind betritt mit seiner Mutter ein Spielzimmer und kann sich (2) gemeinsam mit der Mutter im fremden Raum akklimatisieren und den Raum erkunden. Dann betritt (3) eine fremde Frau das Zimmer. Sie nimmt mit Mutter und Kind Kontakt auf. Schließlich verlässt die Mutter (4) den Raum und die fremde Frau bleibt mit dem Kind allein. Die Mutter kommt (5) zurück, was als „1. Wiedervereinigung“ bezeichnet wird. Die fremde Person hingegen geht aus dem Raum. Die Mutter verlässt (6) das Zimmer zum zweiten Mal und diesmal bleibt das Kind völlig allein im Raum zurück. Die Fremde kommt (7) wieder in den Raum. Ihr folgt dann nach einer Weile (8) die Mutter und die Fremde geht wieder hinaus. Diese letzte Situation wird als „2. Wiedervereinigung“ bezeichnet.

Der Vorgang wird videotechnisch aufgezeichnet und bewertet. Untersuchungsgegenstand ist in erster Linie die kindliche Reaktion in den Trennungs- und Wiedervereinigungsmomenten, um die individuellen Unterschiede in der Bewältigung von Trennungsstress festzustellen.

Die Bindungstypen des Kindes


1. Die sichere Bindung (B-Bindung): Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund von elterlicher „Feinfühligkeit“, welche durch vorwiegend positive Interaktionen und beständiges, nachvollziehbares Verhalten gekennzeichnet ist eine große Zuversichtlichkeit in Bezug auf die Verfügbarkeit der Bindungsperson. Diese Kinder weinen durchaus innerhalb der „fremden Situation“. Sie zeigen diese Gefühle deutlich und akzeptieren den Trost der fremden Frau im Raum und sind ihr gegenüber freundlich und relativ offen. Obwohl die Trennung bei diesen Kindern also mit negativen Gefühlen verbunden ist, vertrauen sie darauf, dass die Mutter sie im Bedarfsfall nicht im Stich lassen oder in irgendeiner Weise falsch reagieren wird. Die Mutter erfüllt in einer derartigen Bindung die Rolle eines "sicheren Hafens", der immer Schutz bieten wird, wenn man dessen bedarf. Diese Kinder sind traurig darüber, das die Mutter nicht bei ihnen ist, gehen aber davon aus, dass sie wieder kommen wird. Kehrt die Mutter in den Raum zurück, freuen sich die Kinder demnach und suchen Nähe und Kontakt, wenden sich aber kurz danach wieder der Exploration des Raumes zu.

2. Die unsicher-ambivalente (ängstlich-widerstrebende;resistente, ambivalente) Bindung (C-Bindung): Kinder die hier beschrieben werden, zeigen sich ängstlich und abhängig von ihrer Bindungsperson. Geht die Mutter, reagieren die Kinder extrem belastet. Die fremde Frau wird ebenso gefürchtet wie der Raum selbst. Schon bevor die Mutter hinausgeht, zeigen diese Kinder Stress, da sie die fremde Situation fürchten, was ihr Bindungssystem schon von Beginn an aktiviert. Die Kinder reagieren so auf das korrelierende Mutterverhalten: Die Mutter reagiert für das Kind nicht zuverlässig, nachvollziehbar und vorhersagbar. Der ständige Wechsel von einmal feinfühligem, dann wieder abweisendem Verhalten führt dazu, dass das Bindungssystem des Kindes ständig aktiviert sein muss. Es kann schwer einschätzen, wie die Mutter in einer bestimmten Situation handeln oder reagieren wird. Das Kind ist somit permanent damit beschäftigt, herauszufinden, in welcher Stimmung sich die Mutter gerade befindet, was sie will und was sie braucht, damit es sich entsprechend anpassen kann. Dies führt zu einer Einschränkung des Neugier- und Erkundungsverhaltens des Kindes, welches sich nicht auf die Exploration des Raumes konzentrieren kann. Diese Kinder können keine positive Erwartungshaltung aufbauen, weil die Bindungsperson häufig nicht verfügbar ist (eben auch nicht dann, wenn sie de facto in der Nähe ist). Dementsprechend erwarten sie keinen positiven Ausgang der Situation und reagieren extrem gestresst und ängstlich innerhalb der „fremden Situation“.

3.Die unsicher-vermeidende Bindung (A-Bindung): Die hier beschriebenen Kinder reagieren scheinbar unbeeindruckt, wenn ihre Mutter hinausgeht, spielen, erkunden den Raum und sind auf den ersten Blick weder ängstlich noch ärgerlich über das Fortgehen der Bindungsperson. Durch zusätzliche Untersuchung der physiologischen Reaktionen der Kinder während der Situation, wurde jedoch festgestellt, dass ihr Cortisolspiegel bei Fortgehen der Mutter höher ansteigt, als der der sicher gebundenen Kinder, welche ihrem Kummer Ausdruck verleihen. Kommt die Mutter zurück, wird sie ignoriert. Die Kinder suchen die Nähe der fremden Person und meiden die ihrer Mutter. Unsicher-vermeidenden Kindern fehlt die Zuversicht bezüglich der Verfügbarkeit ihrer Bindungsperson. Sie entwickeln die Erwartungshaltung, dass ihre Wünsche grundsätzlich auf Ablehnung stoßen und ihnen kein Anspruch auf Liebe und Unterstützung zusteht. Dieses Bindungsmuster ist bei Kindern zu beobachten, die häufig Zurückweisung erfahren haben. Diese Kinder finden einen Ausweg aus der belastenden bedrohlichen Situation des immer wieder Zurückgewiesen-Seins nur durch Beziehungsvermeidung. Sie wenden ihre Aufmerksamkeit von der Bindungsperson ab, was sie in die Lage versetzt das Risiko von Zurückweisung zu minimieren..

4.Die desorganisiert/desorientiert erscheinende Bindung (D-Bindung): Dieser Bindungstyp wurde erst wesentlich später festgestellt. Es gab immer auch Kinder, deren Verhalten sich nicht eindeutig in eine der drei Hauptreaktionsschemata einordnen ließen. Martin Dornes verdeutlich dies in seinem 2003 erschienenen Buch Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre folgendermaßen: „Manche näherten sich der Mutter (wie Sichere), drehten dabei aber den Kopf zur Seite (wie Unsichere); andere zeigten extreme Vermeidung (wie A-Kinder), aber untypischerweise zugleich viel offenen, unberuhigbaren Kummer (wie ambivalente C-Kinder) oder benahmen sich in Episode 5 wie Sichere, in Episode 8 aber wie Vermeidende“ (Seite 224). Ainsworth und auch nachfolgende Kollegen stuften diese Kinder meist innerhalb der sicheren Kategorie, und einige wenige als vermeidend, ein. Nach Entwicklung der 4. Kategorie wurden die „bisher forciert klassifizierten Fälle ... erneut gesichtet“ (Dornes). Ein großer Anteil dieser Kinder wurde schließlich als desorganisiert/desorientierter Bindungstyp klassifiziert. Kinder deren Verhalten diesem Bindungsmuster zugeordnet wird, zeigen äußert unerwartete, nicht „klassifizierbare“ Verhaltensweisen. Dazu gehören Stereotypien und unvollendete oder unvollständige Bewegungsmuster. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass ein Kind auf jeden Fall eine Bindung zu seiner Bindungsperson eingehen muss sobald es Schutz und Unterstützung bedarf. Wenn aber die Bindungsperson - also der Mensch der Schutz bieten soll - zugleich der Auslöser für das Bindungsverhalten - also die Bedrohung selbst- ist dann gerät das Kind in eine paradoxe Lage aus der es keinen Ausweg gibt. Die Bindungsperson ist in diesem Falle häufig eine, die auf das Kind selbst beängstigend wirkt, weil sie zu gewalttätigem Handeln neigt, oder das Kind seelisch und verbal misshandelt. Eine andere Ursache für dieses Bindungsverhalten zeigt sich bei Kindern, deren Bindungspersonen unter den Folgen eigener Traumata leiden. Die traumatischen Erfahrungen zeigen sich den Kindern im verängstigten Verhalten ihrer Bindungspersonen. Die Angst die sich im Gesicht einer Mutter spiegelt, welche unter Intrusionen (hartnäckiges Eindringen von traumagebundenen Bildern und Gefühlen in die Gedanken) leidet, ist für ein Kind erschreckend und aktiviert sein Bindungssystem. Die Quelle der Angst ist aber für das Kind nicht nachvollziehbar. Die Mutter kann in einer solchen Situation zumeist nicht adäquat auf die Versorgungsbedürfnisse ihres Kindes eingehen. Das Kind erlebt schließlich die Welt ständig als einen bedrohlichen Ort, dessen Schrecken sich in der Bezugsperson widerspiegelt.

Korrelierende Bindungseinstellung der erwachsenen Bindungsperson


Dem Muster des Bindungsverhaltens liegen verschiedene Strategien des Kindes zugrunde, mit denen es versucht, seine emotionalen Reaktionen zu regulieren. Dieses Regulieren erreicht das Kind mit Unterstützung der Person, zu der es die Bindung eingegangen ist. Es ist demnach plausibel, dass der Bindungstyp, welchen das Kind ausbildet, das Verhalten des Erwachsenen widerspiegelt. Es lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem „Bindungstyp“ des Kindes und der „Bindungseinstellung“ der Bezugsperson nachweisen. Es wurde weiterhin aufgezeigt, dass diese Bindungsrepräsentanzen eine generationenübergreifende Kontinuität aufweisen können. So gibt es Berichte von einer Befragung schwangerer Erstgebärender, die Vorhersagen von bis zu 80%iger Sicherheit zuließen, welches Bindungsmuster das - damals noch ungeborene – Kind später zur Bezugsperson aufbauen würde.

1. Die autonome Bindungseinstellung: Kinder, welche sicher gebunden sind, reagieren auf Erfahrungen von vorwiegend positiv und hinreichend koordinierten, nachvollziehbaren Interaktionen mit ihrer Bindungsperson. Diese Bindungspersonen werden als solche mit Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz, Respekt und Empathiefähigkeit beschrieben. Sie sind sich der negativen wie positiven Affekte und Einstellungen gegenüber ihren eigenen Bindungspersonen bewusst und reflektieren diese in angemessener Weise und Distanz. Eine unbewusste Identifikation mit ihren Eltern zeigt sich kaum – die eigene Eltern-Kind-Beziehung wird realistisch betrachtet und nicht idealisiert. Diese Mütter hatten zumeist selbst Mütter mit einer autonomen Bindungseinstellung oder haben ihre sichere Bindung im Laufe ihrer Biographie durch die Möglichkeit zur alternativen Beziehungserfahrung mit anderen, nicht primäre Bindungspersonen, durch einen Partner, oder zum Beispiel mit Hilfe einer psychotherapeutischen Unterstützung erhalten. In der Regel reagieren diese Eltern vorhersehbar und angemessen auf ihre Kinder. Bindungsbedürfnisse werden nicht zurück gewiesen oder ignoriert. Ihre Kinder entwickeln sich zu einem Großteil sicher gebunden. Sie können sich vertrauensvoll an ihre Eltern wenden, wenn das Bindungssystem aktiviert wird. Im Gegenzug können sie diese sichere Basis als Ausgangspunkt für exploratives Verhalten nutzen.

2. Die distanziert-beziehungsabweisende Bindungseinstellung: Erwachsene mit dieser Bindungsrepräsentanz können sich kaum an ihre eigene Kindheit erinnern, was bedeutet, dass sie viel verdrängt haben. Tendenziell idealisieren sie ihre Eltern und deren Erziehungsmethoden, wenngleich keine konkreten Situationen aufgezählt werden können, welche diese Idealisierung rechtfertigen. Berichtet wird hingegen von mangelnder elterlicher Unterstützung sowie von Zurückweisung (offen oder verdeckt) der kindlichen Bedürfnisse. Die Erwachsenen mit einer distanziert-beziehungsabweisenden Bindungseinstellung verleugnen die Bedeutung ihrer eigenen Erfahrungen mit den Eltern und deren Folgen für die Färbung ihres affektiven Kerns. Sie zeigen ein sehr großes Unabhängigkeitsbestreben und verlassen sich lieber auf die eigene Stärke. Sie formulieren, die fehlende Hilfe nicht vermisst zu haben und diesbezüglich auch keine Wut oder Trauer zu verspüren. Kinder dieser Erwachsenen können eher mit affektiver Unterstützung und Einstellung auf ihre Bedürfnisse rechnen, wenn sie versuchen, eine Aufgabe zu bewältigen. Die Kinder werden früh unter Leistungsdruck gesetzt. Den Ergebnissen von George, Kaplan und Main (1985) zufolge, welche diese Bindungsrepräsentanzen der Eltern durch das „Adult Attachment Interview zur Erfassung von elterlichen Bindungsrepräsentanzen“ systematisch erforschten, gefällt es diesen Müttern, wenn die Kinder Anhänglichkeit zeigen. Allerdings neigen sie dann dazu, das Kind zu ignorieren, wenn es Beruhigung und Unterstützung braucht.

3. Die Beziehungsüberbewertende Bindungseinstellung: Diese Einstellung haben häufig Menschen, welche von den Erinnerungen an die eigene Kindheit flutartig überschüttet und permanent belastet sind. Die Probleme und Schwierigkeiten innerhalb der Beziehung zur eigenen Bindungsperson konnten sie nicht verarbeiten; sie überbewerten sie und pendeln zwischen Gefühlen wie Wut und Idealisierung hin und her. Letztlich stehen sie noch immer in einer Abhängigkeitsbeziehung zu den eigenen Bindungspersonen und sehnen sich nach deren Zuwendung und Wiedergutmachung. Die Mütter von Menschen mit dieser Bindungsrepräsentanz waren in den häufigsten Fällen "schwach" und "inkompetent" und konnten dementsprechend in Bedrohungssituationen, in denen ihre Kinder das Bindungssystem aktivierten, weder Schutz noch Beruhigung bieten. Kann die Mutter (oder entsprechende Bindungsperson) die Angst ihres Kindes nicht beseitigen, kommt es zu vermehrtem Anklammern. Die Ablöseprozesse beim Kind werden auch deshalb als besonders erschwert gesehen, weil die "schwache" Mutter das Kind häufig parentifiziert und es daher schließlich das Gefühl hat, die Mutter versorgen zu müssen. Kindern solcher Eltern wird durch Verwöhnung und/oder durch das Hervorrufen von Schuldgefühlen verwehrt, sich explorativ zu verhalten und Wut, Aggressionen, Trotz und Unabhängigkeitsbestreben zu zeigen. Geraten sie in Konfliktsituationen mit der Bindungsperson, werden solche aufkommenden Gefühle weggeschaltet oder das Kind lenkt sich ab. Die Entwicklung einer eigenständigen Identität ist erschwert, weil das Kind sich nicht an der eigenen Gefühls- und Motivationslage orientieren kann, sondern permanent die Gefühlslage der Bindungsperson erfassen muss.

Diese Kinder gehören oft zum unsicher-ambivalent gebundenen Typ. Sie werden häufig wiederum die beziehungsüberbewertenden, aber unsicheren Bindungspersonen für ihre eigenen Kinder, welche dann mangelnder Aufmerksamkeit und wenig Einfühlungsvermögen begegnen. Auf die Initiativen des Babys gehen Eltern mit beziehungsüberbewertender Bindungseinstellung nicht angemessen ein und reagieren häufig erst dann einfühlsam, wenn das Kind große Furcht und Schrecken zeigt. Das Kind kann daraufhin mit einer Verstärkung eben dieses Verhaltens reagieren, um die Aufmerksamkeit der Bindungsperson zu bekommen. Es besteht die Gefahr einer masochistischen Unterwerfung.

4. Die von unverarbeitetem Objektverlust beeinflusste Bindungseinstellung: Bindungspersonen, die unter einem unverarbeiteten Trauerprozess leiden oder nichtverarbeitete Erfahrungen von Misshandlung oder sexuellem Missbrauch überlebten, haben sehr häufig Kinder des desorganisiert/desorientierten Bindungstyps. Als Erklärung dient die Annahme, dass Bindungspersonen, welche unter Traumatisierungen leiden, keinen Schutz bieten können, bei ihren Kindern jedoch verhältnismäßig oft das Bindungsverhalten aktivieren, da sie ausgeprägte Furcht vor einem Grauen zeigen, welches für das Kind nicht greifbar ist. Wenn die traumatisierte Bindungsperson das Kind unter Umständen misshandelt, missbraucht, permanent beschämt etc., wird sie nicht zu einer vor Gefahren schützenden Instanz für das Kind, sondern selbst zu einer Quelle der Angst und Gefahr. Auch hier kommt es häufig zu einer Parentifiezierung der Kinder durch ihre Eltern. Mütter mit Bindungsrepräsentanz dieses Typs überlassen ihren Kindern die Führung in der Beziehung in ungewöhnlichem Ausmaß. Generationsgrenzen werden überschritten und die Kinder fühlen sich in der Pflicht, ihre Eltern zu versorgen und ihr psychisches wie auch physisches Wohl zu sichern.

Modifikation des Konzepts Bowlbys in der neueren Forschung


Während John Bowlby auf der Grundlage seiner empirischen Befunde strikt die These vertrat, dass für den Aufbau einer stabilen Bindung die Beziehung des Kindes zu einer zentralen Bindungsperson (normalerweise die Mutter) konstitutiv sei, haben neuere Forschungen zu der Auffassung geführt, dass Kindern ein solcher Bindungsaufbau auch dann gelingt, wenn gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen bestehen.

Dies betrifft in erster Linie eine Aufwertung der Bedeutung des Vaters, ist aber auch in solchen Konstellationen von Bedeutung, wo im Falle berufstätiger Mütter neben die leibliche noch eine Pflegemutter tritt, zu der Kinder oft intensive Beziehungen aufbauen. Hierbei wird jedoch beobachtet, dass das Kind eine deutliche Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bindungspersonen vornimmt, indem es ihnen unterschiedliche Funktionen zuordnet (z.B. bleibt die leibliche Mutter häufig die zentrale Bindungsperson, an die das Kind sich vorrangig wendet, wenn es sich schlecht fühlt).

Interessanterweise scheinen selbst sehr kleine Kinder in der Lage zu sein, die Bindung zu einer Tagesmutter in einer Kindertagesstätte auf einen funktionalen Aspekt zu reduzieren, sofern sie zu ihren primären Bindungspersonen eine sichere Bindung aufgebaut haben. Als Indiz für diese Annahme dient die Beobachtung, dass sicher gebundene Kinder ihr Verhalten in der Kindertagesstätte nicht oder nur geringfügig ändern, wenn sie mit einer anderen als der gewohnten Betreuungsperson zu tun haben. Gerade bei der Eingewöhnung der Kinder an die anfangs ungewohnte Situation in einer Kindertagesstätte zeigt sich aber zugleich die Richtigkeit von Bowlbys Konzept einer primären Bindungsperson: Die Eingewöhnung gelingt nachweislich besser, wenn das Kind in der Anfangsphase von der Mutter begleitet und somit schonend in die neue Situation eingeführt wird.

Der Bindungsbegriff innerhalb der Kindeswohl-Kriterien


Der Begriff des Kindeswohls ist ein nicht völlig bestimmter Rechtsbegriff aus dem Familienrecht, d.h. er ist nicht abschließend und vollständig definiert. Es gibt viele Kennzeichnungen und Definitionsmerkmale sowohl positiver (was zum Kindeswohl gehört) als auch negativer Art (was Kindeswohl eher ausschließt). Sowohl die rechtlichen als auch die psychologischen Definitionen von Kindeswohl nehmen Bezug auf die Bindung des Kindes. Die rechtlichen Kennzeichnungen und Definitionsmerkmale des Kindeswohls sind nach Coester (1982/83) folgende:
  • Die Kontinuität und Stabilität des Erziehungsverhältnisses.
  • Die Bindungen des Kindes an seine Eltern und Geschwister - hier wird nach der Bindungsqualität und -intensität gefragt.
  • Die Haltung der Eltern und des Kindes zur Gestaltung der Beziehungen nach der elterlichen Trennung.
  • Der Wille des Kindes als Ausdruck seiner Selbstbestimmung und Ausdruck seiner Verbundenheit zum Elternteil oder beiden Eltern.
Der psychologischen Definition zufolge, ist das Kindeswohl insoweit gewährleistet, insofern das Kind in Beziehungen und einem Lebensraum aufwachsen kann die eine körperliche, emotionale und kognitive Entwicklung ermöglichen, welche das Kind dazu befähigen, schließlich in Einklang mit den gegebenen Rechtsnormen und gesellschaftlichen Grundwerten für sein eigenes Wohlergehen zu sorgen.

Die sichere Bindung wird vor der unsicher-ambivalenten/unsicher-vermeidenden und der desorientiert/desorganisierten Bindung als für das Kindeswohl am günstigsten betrachtet und kann somit als Entscheidungskriterium für die Sorgerechtvergabe bzw. für oder gegen einen Sorgerechtsentzug gewertet werden. Eine Trennung des Kindes von seiner Bindungsperson bzw. seinen Bindungspersonen kann sowohl akute als auch langfristige psychische Folgen für das Kind haben. Eine gerichtliche Entscheidung, welche sich am Kindeswohl orientiert, soll dies berücksichtigen.

In der Praxis ist die Orientierung der Rechtssprechung an der bindungstheoretischen Forschung jedoch durchaus nicht einfach. Festzustellen ist nämlich in diesem Falle, wer die primäre Bindungsperson ist. Die Frage stellt sich, woran die Hierarchie der Bindungspersonen zu erkennen sei. Nach der Modifizierung der Bowlby´schen Annahmen von lediglich einer primären Bindungsperson, ist davon auszugehen, dass sich ein Kind an mehrere Personen - im Sinne der Kriterien für Bindung - binden kann. Die Frage, an wie viele erwachsene oder ältere Personen sich ein Kind binden kann ist hingegen nicht beantwortet.

Handelt es sich gar um einen Sorgerechtsentzug, ist auf dem bindungstheoretischen Hintergrund zu fragen, wie sich das Herausnehmen des Kindes aus seiner Ursprungsfamilie auf seine psychische Entwicklung auswirkt. Bowlby geht davon aus, dass sich der Bindungstyp innerhalb der ersten Lebensjahre eines Kindes manifestiert und eine große Stabilität bis ins Erwachsenenalter aufweist. Demnach werden frühe Bindungen zu Mitgliedern der Ursprungsfamilie als stärker und einflussreicher erachtet.

Es kann nicht prinzipiell davon ausgegangen werden, dass unsicher oder desorganisiert gebundene Kinder sich leichter und bereitwilliger von ihren Bezugspersonen trennen. Die Intensität der Bindung ist widerum kein Indiz für die gute Qualität der Bindung.

Die gute Qualität einer Bindung (sichere Bindung) kann ggf. auch bedeuten, dass das stabil gebundene, mit positiven Grundannahmen bezüglich seiner sozialen Umwelt ausgestattete Kind, mit einer Trennung von der Ursprungsfamilie besser zurecht kommt. Dies bedeutet andererseits dass Trennungen von der Bindungsperson/den Bindungspersonen für unsicher gebundene und desorganisiert gebundene Kinder schwerer zu verkraften sind. Es kann davon ausgegangen werden, dass neue Bindungen mit guter Qualität schwerer aufgebaut werden können.




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